Warum Fotokunst den Dialog mit dem Fundament braucht
Ein Essay über die Befreiung vom „Worm’s-Eye View“ und die Etablierung einer neuen fotografichen Methodik, der
Basegrafie
Von Hans-Peter Keller
In der gängigen Fachliteratur der Fotografie und Medientheorie leiden die Begriffe zur vertikalen Bildgestaltung unter einer chronischen, schwammigen
Unschärfe. Seit Jahrzehnten werden der Low-Angle Shot (die Untersicht), die Froschperspektive und das englische Worm’s-Eye View (die Wurmperspektive) in ein und denselben
gestalterischen Topf geworfen oder fälschlicherweise als bloße Synonyme verwendet. Meist wird die Differenzierung rein mathematisch über den Neigungswinkel der Kamera definiert. Doch diese rein
technische Betrachtung greift zu kurz. Sie ignoriert die fundamentale psychologische Bildwirkung und bremst durch begriffliche Verunsicherung das freie, offene Agieren des Fotografen.
Um der Fotokunst ein präzises Werkzeug und eine klare Vision zurückzugeben, ist eine inhaltliche Weiterentwicklung notwendig: der Schritt weg von
der bloßen Kameraperspektive, hin zu einer eigenständigen Methodik – der Basegrafie.
Die Begrenzung der alten Begriffe
Um den inhärenten Dialog des Raumes zu verstehen, müssen wir erkennen, wo die klassischen Begriffe der Untersicht gestalterisch sehr ungenau
werden:
Hier setzt die Basegrafie an. Abgeleitet von der Base (der Basis, dem Sockel, dem tiefsten Punkt des Raumes) und
-grafie (dem zeichnerischen Gestalten), definiert sie eine Methodik, bei welcher der dargestellte Vordergrund des Bodens der zentrale, fundamentale Akteur im Bildaufbau
ist.
Der dramatische Dialog: Die Psychologie des Fundaments
Das Kernprinzip der Basegrafie besagt:
Die Einbindung des Bodens, diese kann die räumliche Spannung erheblich verstärken.
Erst wenn das raue Kopfsteinpflaster, der Asphalt oder die Struktur der Erde im unmittelbaren Vordergrund deutlich abgebildet werden, entsteht eine interessante, räumliche Dynamik. Die Basegrafie
erdet das Bild in einer ungeschönten Realität. Der Boden fungiert als physische Barriere und gleichzeitig als Startrampe für das Auge des Betrachters.
Es entsteht ein hochgradig spannender Dialog: Die raue Textur der Basis im Vordergrund kontrastiert direkt mit der Intensität des eigentlichen
Fotoobjekts, das darüber emporragt.
Die gestalterische Hierarchie wird dabei über eine bewusste Schärfetrennung gesteuert. Während der Boden im Vordergrund eine deutliche, taktile Präsenz und Greifbarkeit behält, liegt die eigentliche,
knackige Schärfe exakt auf dem Hauptobjekt (erreicht durch einen gezielten, manuellen Fokustipp auf dem Display). Der leicht abgemilderte, aber strukturell klare Vordergrund beschleunigt den Blick
des Betrachters, der entlang der Linien des Bodens bewusst nach oben geführt wird.
Analysen zweier Meisterwerke der Basegrafie
Wie diese Theorie in der Praxis der Schwarz-Weiß-Fotografie (SW)
emotionale und grafische Höchstspannung erzeugt, zeigen zwei prägnante Beispiele:
Der Läufer im Park (Bild oben)
Die Szene verortet sich in einer Grünanlage. Im Hintergrund ist ein Steinbrunnen mit kaum erkennbarem sprudelndem Wasser erkennbar.
Das eigentliche Drama spielt sich jedoch auf der vertikalen Achse der Basegrafie ab.
Im unmittelbaren Bildvordergrund dominiert ein Steinpflasterweg. Die tiefe Kameraposition zwingt die Strukturen der Steine und Fugen in eine wundervolle grafische Dramatik. Genau aus diesem harten Fundament bricht die Bewegung hervor: Ein männlicher Jogger nähert sich im vollen Lauf. Durch die extreme Nähe zur Basis wirken seine Sportschuhe im Vordergrund scheinbar übergroß – ein monumentaler Effekt.
Die Kunst und die Spannung dieses Werks kulminieren in einer entscheidenden Zehntelsekunde: In seiner Gesamtheit ist nur das vordere Bein des
Läufers zu sehen, welches sich mitten in der Laufbewegung den festen Halt auf dem Steinpflaster findet. Die Schärfe liegt präzise auf dem Läufer, während das Pflastersteine darunter deutlich
strukturiert bleibt.
Ohne die Abbildung der Bodengrafik würde die diese Dramatik fehlen.
Erst durch den direkten Dialog mit der harten, kontrastreichen Pflasterstruktur im Vordergrund wird die kinetische Energie des Abdrucks bewusst wahrnehmbar.
Die urbane Kreuzung vor der Fassade (Bild unten)
Die Kulisse verschiebt sich mitten in die urbane Innenstadt. Den Hintergrund bildet eine architektonisch markante Häuserfront. Auch hier bildet das historische Kopfsteinpflaster die fundamentale Basis, deren Texturen skulptural herausgearbeitet werden. Ein Fahrradfahrer nähert sich und kreuzt die im Kopf des Künstlers konstruierte Kulisse in einer perfekt horizontalen Achse.
Die psychologische Spannung entsteht durch das starre, fast ewige Raster des Bodens, das durch das flüchtige, schneidende Element des Radfahrers horizontal aufgebrochen wird. Da die Kamera knapp über den Steinen liegt, erlangt die Pflasterung eine solche Wucht, dass der Radfahrer die Straße nicht bloß befährt, sondern sie visuell überwindet. Die raue Struktur im Vordergrund verankert die Szene im Hier und Jetzt. Es entsteht ein ehrliches, grafisch hochkomplexes Abbild.
Die Praxis: Die „Durch-die-Beine“-Methode
Eine authentische Basegrafie scheitert in der Praxis oft an der Physis des Fotografen. Wer sich komplett in den Schmutz legen muss, verliert die visuelle Kontrolle. Das moderne Smartphone, dessen Kameraobjekt durch das Umdrehen des Geräts (Upside-Down) nur noch Millimeter über der Basis schwebt, erweist sich hierbei als das perfekte künstlerische Werkzeug – vorausgesetzt, man wendet die richtige körperliche Technik an:
Der Fotograf steht mit dem Rücken zu dem zu fotografierenden Objekt. Die Beine bleiben gestreckt, der Stand ist etwa schulterbreit. Nun beugt sich der Oberkörper nach vorne unten – ähnlich der Bewegung beim Zubinden der Schuhe. Mit beiden Händen wird das Smartphone nahezu kopfüber gehalten, um flach durch die eigenen Beine nach hinten zu fotografieren.
Diese Methode bietet der Basegrafie drei entscheidende Vorteile:
Fazit
Die Etablierung der Basegrafie befreit den Fotografen von den gedanklichen Fesseln schwammiger Lehrbuchdefinitionen. Sie ist die bewusste Entscheidung, das Fundament unserer Realität – den Boden – als gleichwertigen, gestalterischen Partner in das Bild zu holen. Erst neben der Kombigrafie und Malgrafie findet die raue, erdige Dynamik der vertikalen Fotokunst ihren wahren, unverkennbaren Namen.
Meine Beispielbilder zeigen die bildgebende Dramatugie verschiedener Bodenbeschaffenheiten.
Durch gezielte Einbindung dieser Strukturen, können Sie das Mass der Bild-Dynamik je nach Situation und persönlichem Empfinden selber steuern.
Wenn Sie meine Anleitung aufmerksam gelesen haben, können Sie diese Technik mit Ihrem Smartphone bei Ihrem nächsten Fotowalk mal selber anwenden. Sie werden staunen wie die Streetfotografie damit
neue und spannende Aspekte bekommt.
Solten diesbezüglich Fragen auftauchen oder Sie mir Ihre Meinung mitteilen wollen, können sie mich gern per E-Mail kontaktieren: hanspeterkeller@gmx.de
Ich freue mich auf Ihren Kontakt.
Ihr Hans-Peter Keller